niederrhein-nord.de
Home  Fotos  Email/Impressum  Links

Orte am unteren Niederrhein:

  WESEL - DIERSFORDT

GEMEINDE WESEL  |  BISLICH   |  BÜDERICH  |  DIERSFORDT   |  GINDERICH

Schloss Diersfordt und der gleichnamige Ortsteil von Wesel

Das 1975 eingemeindete Dorf Diersfordt ist mit seinen fast 300 Einwohnern der zweitkleinste Ortsteil von Wesel. Nur im benachbarten Ort Bergerfurth, der ebenfalls zum Stadtteil Bislich gehört, leben noch weniger Menschen. Mit einer Prise schwarzen Humors könnte man sogar behaupten, dass es in Diersfordt bedeutend mehr Tote als Lebende gibt, denn alleine schon der örtliche Ehrenfriedhof beherbergt nicht weniger als 538 Gefallene des Zweiten Weltkriegs. Dieser Aussage muss man allerdings unbedingt gegenüberstellen, dass die heutigen Einwohner von Diersfordt alles andere als tot, sondern überdurchschnittlich rege und aktiv sind.


Ehrenfriedhof Diersfordt mit den 1963 aufgestellten Steinkreuzen

Der eben erwähnte Ehrenfriedhof Diersfordt wurde ab 1946 angelegt und 1949 offiziell eingeweiht. Auf ihn wurden deutsche Soldaten aus ihren verstreut in der unmittelbaren Umgebung befindlichen Feldgräbern umgebettet und somit an einer Stelle zusammengeführt. Sie waren während der Kämpfe beim Rheinübergang der alliierten Truppen im Frühjahr 1945 nahe Bislich ums Leben gekommen. Die britischen und kanadischen Opfer der Rheinüberquerung fanden dagegen ihre letzte Ruhestätten auf dem Rheinberg War Cemetery und dem Reichswald Forest War Cemetery.


das zum 25jährigen Jubiläum
des Deutschen Reichs aufgestellte
Denkmal für Kaiser Wilhelm


das aus einem Postament und einer
ionischen Säule gebildete Mahnmal
für die Gefallenen des 1. Weltkriegs

Der Platz am nördlichen Ausgangspunkt der Straße Lindenberg, auf dem der Ehrenfriedhof angelegt wurde, war auch schon früher ein Ort des Gedenkens. Schon 1896 wurde dort nämlich ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I. aufgestellt. 1928 folgte außerdem ein Mahnmal für die Gefallenen des 1. Weltkriegs, das sich etwa 250 Meter abseits des Friedhofs und Wilhelmdenkmals an der gleichen Straße erhebt. Und schließlich sei auch noch auf die ebenfalls bemerkenswerten Grabdenkmäler der Freiherren von Wylich aus dem 18. und 19. Jahrhundert hingewiesen. Sie befinden sich unweit des Gefallenenmahnmals im Wald auf einem Hügel zwischen der Mühlenfeldstraße und der Lindenberg-Straße.


Grabmal von Alexander Hermann
Freiherr von Wylich


Grabmal von Christoph Alexander
Freiherr von Wylich

Das Gelände für das Wilhelm- und Gefallendenkmal und den Ehrenfriedhof wurde von den Grafen zu Stolberg-Wernigerode kostenlos zur Verfügung gestellt. Den adeligen Herren gehörte auch von 1831 bis 1997 das nahe gelegene Schloss Diersfordt. Davor war das 1334 erstmalig erwähnte Herrenhaus jahrhundertelang Residenz der Freiherren von Wylich. Ihr Name und Wappen begegnet uns heute außer auf den gerade besprochenen Grabdenkmälern ebenfalls noch in einer Inschrift oberhalb des Eingangs zur Schlosskirche. Das eher kleine, aus den 1770er Jahren stammende sakrale Bauwerk wurde dem Geschmack der Zeit gemäß im Stile des Spätbarock bzw. Rokoko errichtet. Sie darf schon allein deshalb als bemerkenswert bezeichnet werden, weil es nur sehr wenige weitere Barockkirchen am Niederrhein gibt. Eine andere ist z. B. die sehr ähnlich gestalte und etwa zeitgleich entstandene evangelische Ostkirche in Pfalzdorf bei Goch.


Schlosskirche und Inschrift über ihrem Portal

Das ebenfalls im späten 18. Jahrhundert im Stile des Spätbarocks bzw. Rokoko umgebaute Hauptgebäude des Schlosses, das eigentliche Herrenhaus, brannte im Dezember 1928 leider vollständig nieder. Die Ruine wurde größtenteils abgetragen und zwischen 1929 und 1931 durch ganz anders gestalteten Neubau an gleicher Stelle ersetzt. Sicherlich werden auch Kostengründe dazu beigetragen haben, dass der Graf nicht mehr das doppeltürmige, auf quadratischen Grundriss angelegte Herrenhaus rekonstruieren ließ. Stattdessen entschied er sich für ein kleineres eintürmiges Gebäude auf nahezu L-förmigen Grundriss, an dessen westlicher Fassade zwei Risalite vorspringen. Über die nicht wieder bebaute Fläche wurde eine Terrasse gespannt, unter der sich heute immer noch die Gewölbe und Fundamente der mittelalterlichen Burg befinden. Es ist offensichtlich, dass sich der Architekt beim Entwurf für den Neubau des Hauptgebäudes am nicht abgebrannten gegenüberliegenden Porthaus inspirieren ließ. Beide Gebäude bestehen nun aus einem dreigeschossigen, schmalrechteckigen Baukörper mit hohem Satteldach und Dreiecksgiebel. Allerdings ist das so genannte Porthaus, ein ehemaliger Kornspeicher, wesentlich älter und stammt als einziges Gebäude der Schlossanlage noch aus dem Mittelalter. Das Hauptgebäude, die Schlosskirche und das Porthaus bilden ein dicht beieinander liegendes, annähernd geschlossenes architektonisches Ensemble, das sich ähnlich einem hufeisenförmigen dreifllügeligen Bauwerk nach Süden hin öffnet.


Hauptgebäude des Schlosses (oben) und Porthaus (unten)


einfache Lageskizze der Schlossgebäude und das Museum und Heimathaus Eiskeller

Tatsächlich dreiflügelig ist der sich unmittelbar westlich an das Hauptgebäude anschließende Wirtschaftshof, der um das Jahr 1800 zum Zwecke der Kultivierung der umliegenden landwirtschaftlichen Flächen errichtet wurde. Der Eingang zum Schlossgelände wird von zwei weiteren ehemaligen Wirtschaftsgebäuden gesäumt. In der Vergangenheit dienten sie als Korn- und Ölmühle, die nicht durch Wind oder Wasser, sondern durch Muskelkraft angetrieben wurden. Daher rührt auch die manchmal anzutreffende Bezeichnung Rossmühle für das östliche Gebäude. Das westliche Gebäude wird heute als Eiskeller bezeichnet, weil es früher auch für die Lagerung von Eis genutzt wurde. Heute beherbergt das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gemäuer ein Museum und Heimathaus mit Dauer- und Wechselausstellugen. Die zwischen 1777 und 1778 erbaute Orangerie mit ihren großen rundbogigen, bis zum Boden reichenden Fenster ist ein Überbleibsel des alten Schlossgartens. Alle bis jetzt vorgestellten Gebäude liegen innerhalb des mittlerweile nur noch durch Vertiefungen im Boden erkennbaren Wassergrabensystems des Schloss Diersfordt. Das ehemalige Adelsgemäuser ist heute ein Hotel und kann außerdem für Events wie z. B. Familien- und Betriebsfeiern genutzt bzw. gebucht werden.


Bediensteten-Gebäude und Schulgebäude in Diersfordt

Außerhalb des Schlossgeländes haben noch weitere alte Gebäude längs der Mühlenfeldstraße die Wirren der Zeit in Diersfordt überstanden. Unweit des Ehrenfriedhof-Parkplatzes stehen zwei eingeschossige, längsrechteckige und mit einem Walmdach gedeckte Backsteingebäude, die der Freiherr Alexander Hermann von Wylich für seine Bediensteten Anfang der 1770er Jahre errichten ließ. Zur gleichen Zeit entstanden im Auftrage des Freiherrn auch das rund 300 Meter weiter südlich gelegene Forsthaus und das Schulgebäude, die zusammen mit dem 1668 erbauten Pastorat ein hübsches historisches Architekturensemble am Rande eines Waldes bilden. Ebenfalls an der Mühlenfeldstraße liegt das so genannte Haus Constanze, ein recht imposantes, 1896 errichtetes Gaststättengebäude. Den direkt benachbarten Diersfordter Waldsee gab es damals noch nicht. Seine Entstehung verdankt der mittlerweile schon sehr großflächige Baggersee dem seit 1961 bis voraussichtlich 2030 andauernden lokalen Kies- und Sandabbau. Er kann jetzt schon für Sport- und Freizeitaktivitäten genutzt werden. Die bereits eingeleiteten Rekultivierungsmaßnahmen sind beachtens- und lobenswert. Diesen positiven Aspekten steht allerdings ein generelles Problem gegenüber: Am nördlichen Niederrhein sind jetzt schon genug Baggerseen und andere Gewässer vorhanden, die für Freizeitaktivitäten genutzt werden können. Am südlichen Niederrhein vernichtet der Braunkohleabbau riesige Flächen. Dazu gesellt sich auch noch eine ständig fortschreitende Bodenversiegelung seit rund 70 Jahren. Lange Rede, kurzer Sinn: Der regionale Verlust an forst- und landwirtschaftlich nutzbaren Flächen und an Lebensraum für andere Pflanzen und Tiere als Schilfrohr, Wasservögel und Fische ist mittlerweile wirklich gewaltig. Das gilt auch für Diersfordt und seinen Mikrokosmos. Trotzdem ist es immer noch ein land- und forstwirtschaftlich geprägtes Dorf geblieben. Hoffentlich markiert das Jahr 2030 nicht nur das Ende des Kies- und Sandabbaus in Diersfordt, sondern am gesamten Niederrhein.


Haus Constanze, Getreidefeld und Diersfordter Waldsee

Website des Schloss bzw. Schlosshotels

 

GEMEINDE WESEL  |  BISLICH   |  BÜDERICH  |  DIERSFORDT   |  GINDERICH

 

 nach oben zum Seitenanfang