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  PFALZDORF

GEMEINDE GOCH  |  PFALZDORF

Die Emigrantensiedlung Pfalzdorf

Zumindest die frühe Ortsgeschichte von Pfalzdorf darf man als einzigartig und untypisch für eine Siedlung am Niederrhein bezeichnen. Sie beginnt im Jahre 1741, als einige pfälzische protestantische Familien aus dem Hunsrück bzw. aus der Umgebung von Kreuznach mehrere Schiffe bestiegen, um auf dem Rhein nach Rotterdam zu reisen. Von dort wollten sie dann übers Meer nach Nordamerika auswandern. Ihre aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen motivierte Auswanderung endete jedoch in Schenkenschanz nahe Kleve, da die Niederländer ihnen dort die Weiterfahrt auf dem Rhein verweigerten. Die pfälzischen Emigranten konnten nämlich keine Dokumente vorlegen, die ihre Weiterfahrt von Rotterdam nach Amerika bestätigten. Ein Teil der ungewollt am nördlichen Niederrhein gestrandeten Emigranten nahm daraufhin ein Angebot an, sich auf der Gocher Heide anzusiedeln. Mit anderen Worten: Rund 20 pfälzische Familien wurden 1741 quasi durch einen Schicksalschlag bestimmt, die Siedlung Pfalzdorf unmittelbar nördlich von Goch zu gründen. Allerdings wurde das Dorf erst gegen Ende der 1740er Jahre so genannt, als die anfänglichen Schwierigkeiten bereits überwunden und weitere Zuwanderer aus der Pfalz schon eingetroffen waren. Die gezielte pfälzische Zuwanderung endete erst in den 1770er Jahren, als keine neuen Siedlungsstellen mit Kulturland in der Gocher Heide mehr vergeben werden konnten. Mehr als 500 Einwohner soll Pfalzdorf damals schon gezählt haben.


ein 1991 vor dem Pfälzerheim während der 250-Jahr-Feier aufgestellter Gedenkstein,
der mit dem Bibelspruch "Die Wüste wird zum Acker werden"
an die Kultivierung der Gocher Heide durch Pfälzer Emigranten erinnert

Die pfälzischen Einwanderer waren - wie schon oben erwähnt - Protestanten, die meisten von ihnen Anhänger des reformierten Bekenntnisses, die anderen Lutheraner. Zwei evangelische Gemeinden bildeten sich daher inklusive zweier evangelischer Kirchen. Der Baubeginn der reformierten Kirche, der heutigen Westkirche, fällt noch in die 1760er Jahre. 1775 wurde die Saalkirche schließlich vollendet. Ihre hell verputzten Mauern, die einen langgestreckten achteckigen Raum umschließen, werden von acht großen Rundbogenfenstern und Wandvorlagen gegliedert. Der backsteinsichtige hohe Glockenturm wurde erst kurz vor 1850 an den Saal angefügt. Die etwas kleinere lutherische Kirche, die an der gleichen Straße in rund 200 Meter Entfernung liegt, wurde 1779 nach wenigen Jahren Bauzeit eingeweiht. Sie wird Ostkirche genannt. Der quadratische Turm, der an seinen Ecken von Halbpfeilern bzw. Pilastern abgeschrägt wird, ist in einen Rechtecksaal eingezogen. Die teils geschwungene Turmspitze wird von einer geschlossenen Glockenlaterne durchbrochen. Bemerkenswert ist auch die Farbgebung der Fassade in weißen und rosa Tönen. Solche Kirchen im Stile des Rokoko sind am Niederrhein sehr selten. Eine weitere ist die etwa zeitgleich entstandene Schlosskirche in Diersfordt nahe Wesel.


evangelische West- und Ostkirche

Das Gebiet unmittelbar um die beiden nahe beieinander stehenden evangelischen Kirchen könnte man als das historische und ursprüngliche Zentrum von Pfalzdorf bezeichnen. Die Gesamtstruktur des Dorfes weist allerdings alle Merkmale einer Streusiedlung auf, die zwar ein paar Siedlungsschwerpunkte, aber kein wirkliches Zentrum hat. Man kann jedoch zumindest behaupten, dass sich in jedem der vier Pfalzdorfer Ortsteile Dorf, Landwehr, Tal und Bahn ein Siedlungsschwerpunkt bzw. lokales Zentrum befindet. Siedlungszentrum des Ortsteils Dorf ist zweifelsfrei das Gebiet um die beiden evangelischen Kirchen. Zwischen den beiden Gotteshäusern befindet sich auch das Pfälzerheim, auf dessen Vorplatz u. a. ein großer Gedenkstein und eine Gedenkstele an die pfälzisch geprägte Vergangenheit des Ortes erinnern.


Ortsteil Dorf

Zentrum des Ortsteil Tal ist die Gegend um die katholische Kirche St. Martinus. In diesem Ortsteil von Pfalzdorf, der sehr nahe an Goch liegt, haben schon im 18. Jahrhundert niederrheinische Katholiken gelebt. Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts haben sie sich in zunehmenden Maße an diesem Platz niedergelassen und somit auch einen Anspruch auf eine eigene Kirche erworben. Von der 1811 eingeweihten Martinuskirche steht heute allerdings nur noch der Turm (siehe Foto links). Das Schiff wurde Anfang der 1970er Jahre durch einen Neubau ersetzt. Die prächtige Innenausstattung stammt im wesentlichen aus der 1808 abgerissenen Klosterkirche Graefenthal. Der barocke Hochaltar und die Kanzel aus dem 17. Jahrhundert sind also wesentlich älter als alle Mauern und Wände der Martinuskirche. Im relativ dicht besiedelten Ortsteil Tal leben übrigens die meisten der insgesamt 7000 Einwohner von Pfalzdorf, häufig in Einfamilienhäusern, die fast ausschließlich das Ortsbild rund um die Martinuskirche prägen.




ein auffälliges Gebäude im Orsteil Tal (links) und die ehemalige Molkerei (rechts)

Der Ortsteil Bahn - nomen est omen - schmiegt sich an das ehemalige Bahnhofsgebäude an. Bis 1992 hielten hier Züge an, und zwar diejenigen, die seit 1863 bis heute zwischen Krefeld und Kleve verkehren. Der Bahnhof war von 1917 bis 1945 auch Endstation der so genannten Waldbahn Pfalzdorf, die auf ihren 16 Kilometern Länge fast ausschließlich für Holztransporte genutzt wurde. Dass die ehemalige Molkerei nahe am Bahnhof liegt, ist sicherlich kein Zufall. So konnten nicht nur das in der Umgebung geschlagene Holz, sondern auch Milchprodukte ohne großen Aufwand auf der Schiene aus Pfalzdorf exportiert werden.

Das 1898 errichtete Bürgermeisteramtsgebäude befindet sich auch in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Das alte Gemäuer ist ein verbliebener architektonischer Zeuge dafür, dass Pfalzdorf von 1799 bis 1969 eine selbständige Gemeinde war. Davor und danach gehörte das Dorf zur Stadt Goch. Das ehemalige Bürgermeisteramt und die frühere Molkerei säumen übrigens die Motzfeldstraße. Sie ist an dieser Stelle mitsamt ihrer Nebenwege auf einer zusammenhängenden Fläche von etwa einem Viertel Quadratkilometer recht dicht bebaut. Die Straße wurde nach dem Freiherrn von Motzfeld benannt, einem in Kleve tätigen hohen preußischen Beamten, der sich ab 1743 bis zu seinem Tod im Jahre 1778 im besonderen Maße für die pfälzischen Einwanderer eingesetzt hat.


ehemaliges Bürgermeisteramt


Josefskapelle

Der im südöstlichen Abschnitt von Pfalzdorf liegende Ortsteil Landwehr ist dagegen mit einzelnen verstreut liegenden Hofanlagen und Wohngebäuden sehr sporadisch besiedelt. Wenn man unbedingt ein Ortsteilzentrum finden und feststellen müsste, würde die Wahl wahrscheinlich auf die unmittelbare Umgebung der 1939 geweihten katholischen Josefskapelle fallen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die beiden östlichen Ortsteile Landwehr und Dorf sich bis heute als reine Streusiedlungen mit großen landwirtschaftlichen Anbauflächen erhalten haben, während die flächenmäßig kleineren westlichen Ortsteile Tal und Bahn teilweise recht dicht besiedelt sind und durch Bebauungsverdichtung und Neubaugebiete einiges von ihrem ursprünglichen Charakter verloren haben. Da kann der Autor dieser Website nur inständig hoffen, dass das östliche Pfalzdorf vom niederrheinischen Wahnsinn, immer wieder Neubaugebiete für Ein- bis Mehrfamilienhäuser auszuweisen, verschont bleibt.


Fassade im Ortsteil Landwehr (links) und eine Hofstelle mit t-förmigen Grundriss an der Kirchstraße (rechts)

Die meisten Baudenkmäler in Pfalzdorf stehen übrigens an der Kirchstraße. Darunter befinden sich die beiden oben schon erwähnten evangelischen Gotteshäuser, die dazugehörigen Pfarrhäuser und eine Reihe von Hofstellen. Diese im 18. und im 19. Jahrhundert erbauten, teils veputzten, teils backsteinsichtigen Hofstellen haben meist einen t-förmigen Grundriss und ein Walmdach. 3 Gebäude werden im folgenden exemplarisch kurz vorgestellt:

Nr. 54 ist ein weiß verputztes, laut Fassadeninschrift 1777 errichtetes Wohnstallhaus auf t-förmigen Grundriss. Solche Gebäude nennt man auch kurz T-Häuser, weil die Längsachse des Stalls in rechtem Winkel auf die Längsachse des Wohnhauses trifft. Stall und Wohnhaus bilden dabei zwei unmittelbar aneinander gefügte Baukörper.

Das um 1900 errichtete Haus Nr. 91 vereinigt Stall und Wohnteil in einem einzigen Baukörper. Das eingeschossige backsteinsichtige Gebäude wurde auf einem rechteckigen Grundriss hochgezogen und mit einem Krüppelwalmdach bekrönt.

Haus Nr. 157 stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das T-Haus besteht aus einem zweigeschossigen backsteinsichtigen Wohngebäude mit farblich hervorgehobenen segmentbogigen Fensterstürzen und einem schlichten Satteldach. Der rückwärtige Stall ist eingeschossig.

Mit der Gründung und dem Aufbau von Pfalzdorf endete übrigens nicht die Einwanderung pfälzischer Protestanten an den nördlichen Niederrhein. Sie setzte sich auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fort. Die unmittelbar östlich gelegen Dörfer Louisendorf und Neulouisendorf sind ebenfalls pfälzische Kolonistensiedlungen. Sie entstanden ab 1820 bzw. 1827 auf Verfügung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. und wurden nach seiner damals schon verstorbenen Frau Königin Louise benannt. Louisendorf ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Bedburg-Hau, Neulouisendorf ein Ortsteil von Kalkar. Trotz dieser politischen Aufteilung auf drei Kommunen besteht auch heute noch ein enges Band zwischen Pfalzdorf, Louisendorf und Neulouisendorf: Dazu hat besonders die relativ weitgehende, bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bestehende Isolation ihrer Einwohner vom katholischen Umland beigetragen. Die aus der Pfalz stammenden Protestanten sind mehrere Generationen unter sich geblieben und konnten so ihre eigenen Traditionen und Kultur großenteils beibehalten: http://www.pfaelzerbund.de


Neulouisendorf

 

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